Vorwort
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"Let´s do some quantities" gab ich als Losung im Mai 2015 aus für fotografierende Gruppen. Am 24.1.2016 war es aus meiner Sicht ein zweites Mal so weit: Der Lichtkünstler Laurenz Theinert offerierte einen Workshop "Innere Bilder - äußere Bilder". Eine fußballmannschaftgroße Menschengruppe rannte da nicht dem Ball, sondern lief den Fotomotiven hinterher - an einem zufälligen Wintertag mit miesem Himmel und tauendem Schnee, in einem x-beliebigen Viertel von Stuttgart, dem Lehen. Jaja, liebe Anwohner dort, das Lehen hat viele schön Bauten aus der Jahrhundertwende, aber der Workshop war so konstruiert, dass er in jedem beliebigen Ort der Welt hätte stattfinden können.

Es gab artifizielle Fotografen in der Gruppe, die das Außergewöhnliche im scheinbar Gewöhnlichen suchten und auf verschiedenste Art fanden. Es gab solche, die mit ihren Bildern eine Geschichte zu erzählen versuchten. Es gab auch die Fotografin, die schlicht sagte, sie fotografiere, was ihr gefiele, und sie habe keinen Kunstanspruch.

Und es gab mich, der hier zeigt, was ihm gefällt, mit dem Gefühl, vieles, was ihm gefällt, wahrlich schon genug fotografiert zu haben oder in den Fotos anderer erblickt zu haben. Es gab mich, der aus einem Tag, aus einer Stunde fotografierendem Laufen drei Tableaus herausholt, der schon in der Arbeitsgeschwindigkeit jene kunsttreibenden Menschen brüskiert, die erwarten, dass man zumindest behauptet, handwerkliche Mühe in die "Arbeit" gesteckt zu haben.

Es gab mich im Workshop, der nicht in diesen gradlinigen Fotos hier bei "Quantities", aber in der Metaebene sich sehr wohl als Künstler begreift, und zwar einerseits als einen zitierenden und imitierenden sogar dann, wenn er niemanden zu zitieren beabsichtigt, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwelche Schöpfer auf der Zehn-Milliarden-Menschen-Erde ihm belegen können, dass sie früher und fleißiger schon zugange waren in dem Metier, in der Schublade, in der Nische, in der er sich gerade betätigt.

Andererseits sah ich erstmals bei meinem Projekt "Kunstcomputer" 2011, bei dem ich Stein und Bein geschworen hätte, dass der Begriff schon okkupiert und der Inhalt zelebriert sei, wie man durch naives Betreten von Räumen, in die hinein die eigene Kreativität lockt, an unerwarteter Stelle Pionier sein kann.

Chris am Abgrund - Foto von Donate

  

  

Ja, Pionier bin ich gerne. Das ist durchaus ein künstlerisches Prinzip. Dem halten fast alle mir begegnenden Künstler aus Gründen des Selbstverkaufs angesichts trivialer Kundschaft ihr Nischen-Prinzip entgegen. Sie beißen sich in eine künstlerische Nische fest, zwanzig Jahre und länger. Ich weiß, dass das bei vielen bloßes Marketing ist. Fast alle Maler und Bildhauer fotografieren und filmen auch. Die meisten Medienkünstler malen auch. Sie setzen nach außen aber auf einen Gaul. Sorry, dieser Gaul ist mir davongerannt. Beim Pioniersein schweifte ich zu weit aus. Die Liste der Kunstsektoren, in denen ich nicht werkelte, erscheint mir kürzer als die Liste derjenigen, denen ich schon Zeit und Seele widmete.

Aus solcher weiten Vorrede fokussieren wir uns nun hinab in die Böden, die Zäune und die Spiegelungen. Drei Themen, zwei Spaziergänge an einem Tag. Drei Themen, die immerhin nicht von den anderen Fotografen auf diesem Spaziergang abgeholt wurden und die mir gefielen. "Es war erweckend für mich, in einer Stadt nicht irgendetwas Schönes fotografieren zu wollen, sondern das Schäbige, das Alltägliche, das Hässliche" würde ich später an diesem Tag in der Gruppe sagen, wenn wir unsere Fotos kommentieren. Den Anstoß zu dieser Sichtweise hatte mir 2010 die schrittweise Form des Bombenhagels, das Abreißen bestehender Bauten in Stuttgart gegeben.

Symbolisch möchte ich bleiben in der Zahl der von mir angebotenen Fotografien. Ins Unendliche führen meine hier gezeigten drei Ziele des Fotografierens von Schäbigem. Man kann da immer weiter machen - ich beende das alsbald mit Lachen. Mit Lachen in diesem Fall über Verendlosungen in der modernen Kunst. Insbesondere die von mir fotografierten Böden sind Stellvertreter dessen, was an anderer Stelle sich im Museum wiederfindet. Solche städtischen Böden liefern bitteschön originelle Materialien und zeigen reizvolle Abstraktionen.

"Nur drei Unterseiten, drei Tabelaus aus Fotos?" Ja. Fotografiert und bis in diese Homepage hinein, bis ins Internet hinaus gestemmt in zwei Tagen. Und eine filmische Dokumentation gibt es auch noch. Die ist nicht von so ganz leichter Hand gedreht, wie es scheint. Beachtet z.B. mal, wie das Verkehrsrauschen in die Computersitzung hineinschwappt.

Quantitäten wonnig schnell abarbeiten können - da hilft die Software, das ist das Geschenk der digitalen Revolution. "Geht es weiter?" Ich weiß es nicht. Ich will es nicht einmal. Schon bei "Quantities 2" in Luxemburg dachte ich: "Das war es". Aber die nächste Foto-Party kam nun, und während die Mitfeiernden um mich herum nach Qualitäten jagten, sah ich in den trüben Himmel, schaute hinaus auf die müden Straßen, und wusste: Es ist Zeit für Masse, und nur um die Ecke ist das ein Rahmen für Klasse.

"Klasse" sind ja dann doch die Fotos des Schäbigen, die ich hier zeige. Ich will das durchaus zelebrieren. Es hat halt matte Farben, Grau überwiegt. Kein Gedanke, dass ich die Fotos mit Software nacharbeite. Alle Bilder hier sind so nackig aus dem Apparat geklettert. Pointen, Überraschungen, Bildgeschenke, passende Linien und subtile Botschaften - sie stecken aber hier drin. Sie stammen aus meinen Reflexen beim Herantreten an Bildmotive. Die Fotos dieser drei Tableaus fließen durch das Nebensächliche und wollen dabei nicht langweilen. "Wir sind originell", rufen die Böden auf moderne Art, die Zäune mit einer gewissen Verzweiflung, und die Spiegelungen mit Stolz.

Spaziert, zelebriert, applaudiert!

Zuffenhausen, den 25.1.2016, 18.15 h beim Hochladen der fertigen Homepage